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Blogartikel

Nah und klar zugleich – wenn Rollen ineinanderfließen

Begleiter, Freund und Unternehmer in einer Person: über Reibungspunkte, ihre inneren Hintergründe und achtsame Wege, nah und klar zugleich zu sein.

Wer Menschen auf ihrem inneren Weg begleitet, kennt diesen Moment: Eben noch saßen wir gemeinsam in der Stille, haben Tränen geteilt und Lachen und dieses leise Staunen, wenn sich etwas öffnet. Und am nächsten Tag liegt eine Rechnung offen, eine Nachricht kommt mit einer Erwartung, die nie vereinbart war, oder ein gut gemeinter Rat, wie wir unser Haus doch besser führen könnten.

Dann spüren wir, dass hier zwei Welten aufeinandertreffen, die beide echt sind und die sich trotzdem reiben. In diesem Artikel möchten wir hinschauen, was da eigentlich geschieht, wenn Rollen ineinanderfließen, und wie wir achtsam damit umgehen können, auf beiden Seiten.

Drei Rollen, die gleichzeitig da sind

In der Begleitarbeit leben wir selten nur eine Rolle. Meist sind es drei, und sie sind alle zur selben Zeit da.

Die Begleiterin, der Begleiter. Hier sind wir präsent, nahbar, auf Augenhöhe. Wir halten einen Raum, in dem sich Menschen zeigen dürfen, wie sie sind. Ohne diese Nähe würde unsere Arbeit gar nicht wirken.

Die Freundin, der Freund. Oft entsteht aus gemeinsamer Erfahrung eine Herzensverbindung, die sich wie Freundschaft anfühlt. Freundschaft lebt von Gegenseitigkeit und Freiheit. Man schuldet einander nichts außer Zuneigung.

Die Unternehmerin, der Unternehmer. Und gleichzeitig führen wir einen Betrieb. Es gibt Verträge, Leistungen und Gegenleistungen, Fristen, Kosten, Menschen, die davon leben. Diese Rolle ist weniger sichtbar, aber sie ist genauso wirklich.

Keine dieser Rollen ist falsch. Schwierig wird es erst, wenn sie unbemerkt ineinanderfließen und die eine nach den Regeln der anderen gelebt wird.

Wo es im Alltag reibt

Die Reibung zeigt sich meist an ganz gewöhnlichen Stellen, und gerade deshalb wird sie leicht übersehen.

• Beim Geld. Rechnungen, die bei einem fremden Anbieter selbstverständlich pünktlich bezahlt würden, bleiben liegen, bis eine Erinnerung kommt. Die Nähe lässt es weniger dringlich erscheinen.

• Beim Umfang. Es entstehen Erwartungen an Zeit, Zuwendung oder Zusatzleistungen, die nie Teil der Vereinbarung waren. Was als Geschenk gedacht war, wird mit der Zeit zur Selbstverständlichkeit.

• Bei der Erreichbarkeit. Nachrichten kommen zu jeder Tageszeit, auf privaten Kanälen, mit der stillen Annahme, dass schnell geantwortet wird.

• Beim Ton. Aus Vertrautheit wird manchmal Belehrung: wie man das Angebot gestalten, die Preise setzen oder das Unternehmen führen sollte. Selten böse gemeint, und doch übergeht es die Rolle dessen, der die Verantwortung für das Ganze hat.

All das geschieht häufig ohne jede Absicht. Es ist eher ein leises Verrutschen, das sich mit jedem Mal ein wenig mehr einschleift.

Was innen dahinter wirkt

Wenn wir genauer hinspüren, zeigen sich hinter den Reibungspunkten einige Bewegungen, die zutiefst menschlich sind.

Nähe als Polster. Wo wir uns verbunden fühlen, vertrauen wir darauf, dass der andere schon verstehen wird. Dieses Vertrauen ist schön, und zugleich lädt es dazu ein, es mit der eigenen Verbindlichkeit etwas lockerer zu nehmen. Bei einem anonymen Gegenüber würden wir uns das kaum erlauben.

Alte Beziehungsmuster. Wer einem Menschen in einem sehr offenen Moment begegnet ist, überträgt oft unbewusst Erwartungen aus früheren Beziehungen auf ihn, an Eltern, Lehrer, an Familie. Dann soll die Begleiterin geben wie eine Mutter, oder der Begleiter wird zum Gegenüber, an dem man sich reibt. Auf eine Phase der Bewunderung folgt dann manchmal Kritik, sobald ein Wunsch unerfüllt bleibt.

Die Scheu vor Grenzen auf der Begleiterseite. Auch wir, die begleiten, haben unseren Anteil daran. Viele von uns empfinden Geld und klare Regeln als etwas, das nicht so recht zu einer liebevollen Haltung passt. Also wird nachgegeben, großzügig ausgelegt, eine Ausnahme gemacht. Jede dieser Ausnahmen ist freundlich gemeint, und jede bestätigt ein Stück weit, dass die geschäftliche Seite verhandelbar ist.

Die stille Hoffnung. Und oft lebt in uns die Hoffnung, dass Menschen, die wir Achtsamkeit und Eigenverantwortung lehren, das auch von selbst im Umgang mit uns zeigen. Wenn das nicht geschieht, entsteht Enttäuschung. Doch Einsicht wächst selten allein durch Vorbild. Sie braucht auch einen klaren Rahmen, an dem sie sich zeigen kann.

Das Bild vom übermenschlichen Lehrer. Viele Menschen haben ein inneres Bild davon, wie eine Achtsamkeitslehrerin oder ein Meditationslehrer zu sein hat: immer gelassen, immer verfügbar, frei von eigenen Bedürfnissen, erhaben über Geld und Alltag, eine Art Heiliger, der nur gibt. Dieses Bild wird meist ganz unbewusst auf die Begleitenden projiziert. Zeigt sich dann ein Mensch mit Grenzen, Müdigkeit und eigenen Bedürfnissen, oder ein Unternehmer, der Rechnungen stellt und Entscheidungen trifft, beginnt das Bild zu bröckeln. Statt das eigene Bild zu hinterfragen, wird dann oft der Begleitende infrage gestellt, mit Spott, mit Belehrungen oder mit neuen Ansprüchen, ganz nach dem Motto: So verhält sich doch kein spiritueller Lehrer.

Achtsame Lösungen

Achtsamkeit heißt hier vor allem: bemerken, was geschieht, und es freundlich beim Namen nennen. Daraus ergeben sich einige Wege, für beide Seiten.

Für uns als Begleitende

1. Die Rollen aussprechen. Am Anfang einer Zusammenarbeit offen sagen, dass wir beides sind, nahe Begleiter und Unternehmer mit klarer Verantwortung. Was ausgesprochen ist, muss nicht erraten werden.

2. Das Geschäftliche von der Person lösen. Rechnungen, Erinnerungen und organisatorische Fragen dürfen über ein Office und klare Abläufe laufen. So bleibt der Raum der Begegnung frei, und niemand muss im Seminarraum plötzlich streng werden.

3. Den Umfang klar benennen. Was zur Vereinbarung gehört, steht geschrieben. Wünsche darüber hinaus bekommen einen eigenen Rahmen, etwa als Einzelbegleitung. Das ist eine Antwort, die niemanden abweist.

4. Grenzen ohne Rechtfertigung halten. Ein ruhiger, warmer Satz genügt: „Danke für deine Sicht, wir nehmen sie mit. Wie wir unser Haus führen, entscheiden wir selbst.“

5. Die eigene Großzügigkeit prüfen. Geben aus Freude ist schön. Geben, um Konflikte zu vermeiden, verwischt die Rollen. Den Unterschied zu spüren ist selbst schon Praxis.

6. Das eigene Menschsein zeigen. Wir müssen dem Bild des übermenschlichen Lehrers weder entsprechen noch es nähren. Wer offen zeigt, dass auch Begleitende Bedürfnisse, Grenzen und einen Betrieb haben, lädt andere ein, ihr Idealbild loszulassen. Spirituelle Reife zeigt sich gerade darin, ganz Mensch sein zu dürfen.

Für die, die begleitet werden

1. Die eigene Nähe bemerken. Wo erlaube ich mir etwas, weil ich mich verbunden fühle, das ich bei einem Fremden nie tun würde?

2. Verbindlichkeit als Wertschätzung sehen. Eine pünktlich bezahlte Rechnung, eine eingehaltene Absprache sind stille Formen von Dankbarkeit. Sie sagen: Ich sehe, dass hier Menschen arbeiten.

3. Erwartungen erforschen. Wenn sich Enttäuschung meldet, lohnt sich die Frage: Wurde mir das zugesagt, oder habe ich es mir gewünscht? Und woher kennt mein Herz diesen Wunsch?

4. Den richtigen Kanal wählen. Für Organisatorisches gibt es klare Wege. Die persönliche Nähe bleibt dadurch lebendig, weil sie nicht mit Alltagsfragen überladen wird.

5. Anregungen als Angebot geben. Ein Feedback ist willkommen, wenn es keine Bewertung beinhaltet und als Nice-to-Have kommt statt als Must-Be. Die Entscheidung bleibt bei denen, die für das Ganze verantwortlich sind.

6. Das eigene Bild vom Lehrer prüfen. Wenn mich etwas am Verhalten meiner Begleiterin oder meines Begleiters irritiert, lohnt sich die Frage: Welches Ideal habe ich diesem Menschen übergestülpt? Wer dem anderen erlaubt, Mensch zu sein, gewinnt eine echte Begegnung an Stelle einer Projektion.

Ausklang

Nähe und Klarheit schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Wo die Rollen klar sind, kann die Nähe entspannter werden, weil niemand mehr unausgesprochene Erwartungen mit sich herumträgt und keiner heimlich enttäuscht sein muss.

Vielleicht ist genau das eine der feinsten Achtsamkeitsübungen überhaupt: im selben Moment herzlich und verbindlich zu sein, verbunden und doch unterscheidend. Wer das im Kleinen übt, bei einer Rechnung, einer Nachricht, einer Erwartung, wird es irgendwann auch im eigenen Leben und in der eigenen Arbeit mit anderen Menschen ganz natürlich leben.